Festival des politischen Liedes

Von 1970 bis 1990 fand das „Polfest“, wie es in der Szene genannt wurde, jährlich im Februar in Ost-Berlin statt. Bis zu 80 Solisten und Gruppen verschiedener musikalischer Genres aus rund 30 Ländern traten eine Woche lang vor Tausenden Besuchern auf. Und zwar in großen Häusern wie der Volksbühne, dem Berliner Ensemble, der Werner-Seelenbinder-Halle oder dem Palast der Republik. Verbunden fühlten sich die am Festival teilnehmenden Liedermacher, Folkloregruppen, Rockbands und Theatergruppen durch ihr linksgerichtetes Engagement. Zu ihnen gehörten Ikonen der Folk- und Weltmusik wie z. B. Pete Seeger, Miriam Makeba, Mikis Theodorakis, Mercedes Sosa, Atahualpa Yupanqui, Quilapayun.

Wichtig, besonders für die angloirisch geprägten Anfänge des Folk-Revivals in der DDR, waren Konzerte von Sands Family aus Nordirland, Dick Gaughan und The Whistlebinkies aus Schottland und der Oysterband aus England. Vermittelt wurden deren Gastspiele beim Festival u. a. durch Jack Mitchell von Jack & Genossen. Aus der Bundesrepublik gastierten Folkstars wie Hannes Wader, Liederjan oder Zupfgeigenhansel. Für DDR-Interpreten bedeutete die Einladung zum Festival eine Art Ritterschlag.

DDR-Folk-Interpreten beim Festival des politischen Liedes
Jack & Genossen 1975, 1976 und 1978
Folkländer 1979 und 1982
Liedehrlich 1980
Singeklub der EOS Neuhaus 1980
Wacholder 1981, 1983, 1984 und 1985
Arbeiterfolk 1982, 1983, 1984 und 1985
Piatkowski & Rieck 1984 und 1987
Aufwind 1988, 1989 und 1990).
Duo Sonnenschirm 1988 und 1990
Deutsche Dudelsack Runde 1988
JAMS 1989 und 1990

Das Festival, entstanden in einer Phase der relativen Öffnung und Liberalisierung in der DDR, wurde vom Berliner Oktoberklub, dem „Flaggschiff“ der Singebewegung, gemeinsam mit dem Zentralrat der FDJ organisiert. Das Festival war vieles in einem: offizielle Repräsentationsveranstaltung mit starker medialer Begleitung, Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch, politischer Karneval, der für die Beteiligten den DDR-Alltag eine Woche lang außer Kraft setzte, kreative Insel und Fenster zur Welt. Der nächtliche „Songklub“ im Haus der jungen Talente, Berlins größtem Jugendklubhaus, ermöglichte persönliche Begegnungen und das gemeinsame Musizieren mit Künstlern aus aller Welt.

Session beim Festival des politischen Liedes 1982 mit Wacholder, Dick Gaughan aus Schottland und Sands Family aus Nordirland (Foto: Thomas Neumann/neumgraf.de)
Session beim Festival des politischen Liedes 1982 mit Wacholder, Dick Gaughan aus Schottland und Sands Family aus Nordirland (Foto: Thomas Neumann/neumgraf.de)