
VON WOLFGANG LEYN
Musikalische Vielfalt auf großen und kleinen Bühnen
Künstlerinnen und Künstler aus rund 40 Ländern gastierten bei Deutschlands größtem Folkfestival. Allein 14 Bands schickte in diesem Jahr die Europäische Rundfunkunion. Aufzeichnungen der Konzerte gibt sie an ihre Mitgliedsstationen weiter. Die Federführung hat der MDR. Schon zum siebenten Mal war die EBU Partnerin des Festivals und wird es 2027 erneut sein.

Rund 90.000 Menschen verfolgten die Konzerte auf mehr als 20 Bühnen, u. a. im Theater, in der Stadtkirche, auf dem Marktplatz und im Heinepark am Ufer der Saale. Wegen Rekonstruktionsarbeiten fiel diesmal die barocke Heidecksburg aus, die atmosphärisch schönste Festivalspielstätte. Neu hinzugekommene Bühnen im Park und in der Innenstadt ersetzten sie zumindest im Hinblick auf die Platzkapazität.

Das musikalische Spektrum im Festivalprogramm reichte von den jamaikanischen Roots-Reggae-Bands The Congos und Culture bis zur Hamburger Singer-Songwriterin Derya Yıldırım, die auf Türkisch singt, von der legendären britischen Folkband Blowzabella bis zu Electro-Voodoo-Soul aus Togo, von der polnischen Familienkapelle aus Pommern/Pomorze bis zu dem Finnen Antti Paalanen, der sein Akkordeonspiel mit Techno und Kehlkopfgesang kombiniert. Nicht zu vergessen die vielversprechende jungen Geigerin Clare Sands aus Irland oder aber Groove-Folk aus der Ukraine mit der Band Zgarda.

Gemeinsam mit den Thüringer Symphonikern musizierte in diesem Jahr der Wiener Handpan-Weltstar Manu Delago. Zu den Markenzeichen des Festivals gehört ein ebenso vielfältiges wie niveauvolles Straßenmusikprogramm. Diesmal traten Solisten und Bands aus Deutschland und Nachbarländern wie Dänemark, Frankreich, Niederlande, Polen, Schweiz oder Tschechien auf, andere kamen von weit her – aus Australien, Brasilien, Iran, Island, Israel, Japan, Kostarika, Marokko und Syrien. Gespielt wurde u. a. Balkan Brass, Irish und Deutsch-Folk, Klezmer, Flamenco, Gipsy Jazz, Bluegrass und Indie-Folk.

Im Löwensaal, im Tanzzelt und unter freiem Himmel war wie jedes Jahr Gelegenheit zum Tanzen. Am Wochenende stand im Park ein phanthasievolles Kinderfest im Heinepark auf dem Programm. Seit dem allerersten Folkfestival in Rudolstadt im Juli 1991 kann man jedes Jahr am Instrumentenbauzentrum schauen, probieren und kaufen.

Traditionell wird während des Festivals der Deutsche Weltmusikpreis RUTH verliehen. In diesem Jahr erhielt ihn die Berliner Liedermacherin Dota für ihre Vertonungen von Gedichten der deutsch-jüdischen Dichterin Mascha Kaléko.
Weltmusikpreis RUTH 2026 für Songschreiberin Dota Kehr
Die nächste Generation der Folkmusik
Nach 2024 und 2025 spielte beim Rudolstadt-Festival zum nunmehr dritten Mal das Jugendfolkorchester. Die 39 Musiker im Alter zwischen 12 und 27 Jahren kamen aus ganz Deutschland. 30 von ihnen waren schon im Vorjahr dabei. Die Neuen erweiterten das Instrumentarium um Drehleier und Nyckelharpa. Im Orchester vertreten waren erstmals gleich drei Dudelsäcke.
Gespielt wurde ein klug zusammengestelltes, gekonnt arrangiertes und mit sichtbarer Freude gespieltes Programm aus Liedern und Tänzen, vor dem Festival einstudiert unter Leitung eines musikalisch wie pädagogisch erfahrenen Teams. Dieses Projekt des PROFOLK-Verbandes wird gefördert von mehreren Stiftungen. Eine kontinuierliche staatliche Finanzierung wie in vielen anderen Ländern Europas wäre dringend an der Zeit.

Das Jugendfolkorchester im Radio-Porträt | „Open World“ (WDR 3)
Stimmen aus dem Jugendfolkorchester (Folker-Website)
„So klingt Österreich – auch“
Gemäß diesem Motto des Länderschwerpunkts war Vielfalt Trumpf. Vertreten waren u. a. Wienerlied, Austropop, schräger Kammerfolk, ebenso wie Folklore der verschiedenen Regionen zwischen Steiermark und Tirol, von Minderheiten wie den burgenländischen Kroaten. Zum umfangreichen Rahmenprogramm gehörten neben einer wissenschaftlichen Konferenz verschiedene Workshops, in den man zum Beispiel die den verschiedenen Spielarten des Jodelns ausprobieren konnte, das Wiener Dudeln, das Johlen oder das Juzen aus Vorarlberg.

Das Songposium, ein spezielles Rudolstädter Programmformat, bei dem Experten, Musikanten und Schauspieler unterhaltsam Liedgeschichte präsentieren, war in diesem Jahre dem „lieben Augustin“ gewidmet, einem Dudelsackspieler, welcher – glaubt man der Legende – 1679 während der Pestzeit in Wien versehentlich in eine Siechengrube geraten war, sich aber daraus retten konnte.

Mehr zum Länderschwerpunkt Österreich (MDR-Website)
Mittun war gefragt
Von den vielen verschiedenen Workshops im Festival-Programm seien hier drei herausgegriffen: „How to Folk?“, unter diesem Motto gab ein Quartett junger Folkmusiker aus Flensburg Tipps für Einsteiger in eine Folk-Session. Ralf Gehler aus Schwerin und Vivien Zeller aus Berlin boten Hits aus der DDR-Folkszene zum Mitspielen. Jeder und jede mit einem Instrument, das in den Tonarten D, D, C und A funktioniert, konnte sich beteiligen. Gespielt wurde zum Beispiel auf Geige, Dudelsack, Querflöte, Akkordeon und Blasharmonika. Peggy Luck aus Frankfurt/Oder lud ein zum „Ringen mit der Tradition“, dem Auseinandernehmen und Wiederzusammensetzen der Überlieferung entsprechend heutigen Bedürfnissen.
Peggy Luck: „Mit der Tradition ringen“ | Sound of Connection Podcast

Das Rudolstadt-Festival 2026 im Radio
Auch in diesem Jahr berichteten und übertrugen MDR, BR, Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur von Deutschlands größtem Folkfestival. MDR KULTUR hält ein umfassendes Angebot an Konzertmitschnitten, Studiosessions und Gesprächen bereit.
Rudolstadt-Festival 2026 – Verpasstes nachhören
Am Ende des Rückblicks noch eine Vorschau:
Das 35. Rudolstadt-Festival findet vom 1. bis zum 4. Juli 2027 statt. Länderschwerpunkt ist dann Südkorea.
