Valeri Funkner: Mit keinem anderen Instrument kann man so begeistern

Geboren in der Ukraine und aufgewachsen im Altai, siedelte der 15-Jährige mit Eltern und Geschwistern in die DDR um. Nach dem Abitur in Leipzig studierte er in Weimar Akkordeon und Plektrum-Gitarre. Es folgte eine umfangreiche Konzerttätigkeit in Ensembles der Genres Klassik, Chanson, Theatermusik, Folklore. Er begeisterte sich für die Musik von Astor Piazzolla, gründete 1998 in Leipzig das Quintett Tango nuevo und 2002 das Tango-Orchester Abriendo y Cerrando. Er ist als Arrangeur und Studiomusiker tätig, komponiert Filmmusik, unterrichtet an der städtischen Musikschule und leitet dort ein Akkordeonorchester. Er ist Fachberater für das Instrument in der Region Leipzig und Dresden und wurde zum Vorsitzenden des Deutschen Harmonikaverbandes, Landesverband Sachsen gewählt. In der Folkszene kennt man Valeri vor allem als Bajan-Spieler der Band Pojechaly von Jens-Paul Wollenberg.

Valeri Funkner (Foto privat)
Valeri Funkner (Foto privat)

Seit wann spielst Du Akkordeon? Wie kam es dazu?
Das erste Bild von mir mit einem Balginstrument und Knöpfen gibt es, als ich ca. 3 Jahre alt war. Offiziell spiele ich das Knopfakkordeon Bajan seit meinem achten Lebensjahr. Wir waren fünf Brüder, und jeder durfte es in unserer Dorfmusikschule probieren. Nachdem die Versuche der drei älteren Brüder gescheitert waren, blieb es an mir und meinem jüngeren Bruder hängen. Bis heute!

Piano- oder Knopfakkordeon? Diatonisch, chromatisch? Was ist Dein Favorit? Und warum?
Ich bin in Russland aufgewachsen, im Land des Bajans und der russischen Garmoschka. Darum standen diese Fragen für mich gar nicht. Seltsamerweise war aber das erste Instrument ein Tasten-Akkordeon mit bunter Perlmuttverzierung, welches unser Vater ab und an in den Händen hielt. Er hatte es von seinem deutschstämmigen Onkel geerbt. Eigentlich konnte er darauf gar nicht spielen. Drückte aber gekonnt ein paar Terzen hin und her und sang russische „Tschastuschki“ (Vierzeiler) dazu. Ich war fasziniert! Der Duft der Holztasten und der starke Tremolo-Klang, der bei den klassischen Akkordeonisten eigentlich verpönt ist, haben mich absolut umgehauen.

Was magst Du am Akkordeon? Was womöglich weniger?
Das Pusseln mit den vielen weißen und schwarzen Knöpfen, solange bis eine Melodie rauskam, faszinierte mich von Anfang an. Außerdem hatte ich einen absoluten Respekt vor diesem Instrument, seiner Vielseitigkeit und seinem Klang. Das ist heute immer noch so.

Das „Schifferklavier“ hat in der Öffentlichkeit ein Image-Problem. Wie gehst Du damit um?
Meinen Schülern, die nun mal im deutschsprachigen Kulturkreis aufwachsen, erkläre ich, dass alle diese, manchmal spöttischen Begriffe eine Bedeutung haben und eine oder mehrere Besonderheiten des Instrumentes zum Ausdruck bringen. Zum Beispiel „Schifferklavier“ als das Instrument als Begleiter auf Weltreisen. „Quetschkommode“ oder „Zerrwanst“ – kraftvolles Instrument. „Seelenkompressor“ – spielt auf die tiefe Emotionalität des Instrumentes an. „Schweineorgel“ – der Klang ähnelt einer Orgel, da wären wir bei Bach. Am Ende sind alle Akkordeonspieler froh und stolz auf ihr Instrument. Mit keinem anderen Instrument gelingt es heute, das Publikum so zu begeistern wie mit dem Akkordeon.

Welcher Akkordeonist, welche Akkordeonistin hat Dich besonders beeindruckt? Wodurch?
Abgesehen vom „Akkordeonspiel“ meines Vaters, ist es der Komponist und Bajan-Spieler Wladislaw Solotarjow, der mich mit einer absolut reichen naturalistischen Klangwelt und moderner Spielweise lange Zeit beeinflusst hat. Abgesehen davon bin ich offen für neue Interpretationen und Spielideen. In der Hinsicht hat das Akkordeon noch nicht das Ende seiner Entwicklung erreicht.

Gibt eine besondere Geschichte, die Du mit Deinem Instrument erlebt hast?
Mein konzertantes Bajan der Marke „Jupiter“ hatte ich direkt bei der berühmten Moskauer Musikinstrumentenfabrik bestellt. Damals für den Preis eines PKW „Lada“. Was ich nicht wusste, dieses Instrument zählte zu den Gütern mit „besonderer kultureller Bedeutung“, und die Ausfuhr ins Ausland war verboten. Ein befreundeter Grafikdesigner hat dann den äußeren Schriftzug des Instrumentes verändert, und ich schmuggelte es mit Schweißperlen auf der Stirn durch den Zoll.

Noch eine Geschichte aus dem Bühnenalltag. Auch das beste und teuerste Instrument hat manchmal seine Macken. Dabei ist es schwieriger, beim Live-Konzert darauf zu reagieren als bei einer Gitarre, wo man schnell eine neue Seite aufziehen kann. Bei einem Konzert mit Pojechaly klemmte ein Basston des Akkordeons und wir mussten improvisieren, um den durchklingenden „Bordunton“ irgendwie passend durch das Stück zu bringen. Schließlich haben wir ihn einfach abgeklebt.

Tangoorchester Leipzig Abriendo y cerrando (Pressefoto)
Tangoorchester Leipzig Abriendo y cerrando (Pressefoto)

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