"Deutschfolk. Das Volksliedrevival in der BRDDR" – Rezension 1 | 02.07.21

Der Autor Bernhard Hanneken, einst Chefredakteur des westdeutschen Szeneblatts FolkMICHEL, ist seit 1991 Programmdirektor des Festivals in Rudolstadt. Eigentlich wollte Bernhard Hanneken sein umfangreiches Werk dort 2020 im Rahmen des Länderschwerpunkts Deutschland präsentieren. Wegen der Corona-Krise fiel das Festival aus, ebenso wie in diesem Jahr. Am 2. Juli 2021 gab es eine Buchpremiere ohne Festival, aber in Rudolstadt, dessen Stadtverwaltung das Buch herausgegeben hat. Mit dabei die gut aufgelegte Gruppe Folkländer aus Leipzig. Die Moderation übernahm die Musikjournalistin Hanni Bode, welche die DDR-Folkszene seinerzeit im Radio begleitete. Für diese Website hielt sie ihre Lese-Eindrücke von Hannekens „Volksliedrevival in der BRDDR" fest.

Ein Folk?

Die Frage nach dem Zusammengehören der beiden Deutschländer, häufig gestellt oder auch mit einem Achselzucken zur Seite gelegt, findet bis jetzt keine definitive Antwort, auch nicht in Bernhard Hannekens Buch „Deutschfolk – das Volksliedrevival in der BRDDR“. Dafür liefert es einen Längsschnitt durch die letzten Jahre des getrennten Daseins der Deutschen und das interessante Zusammenfinden zweier Szenen, die in jedem der beiden Landesteile Nischen waren, Underdogs, die im Tageskulturbetrieb nur ganz gelegentlich an die Oberfläche kamen.

Detailreichtum und historische Meilensteine

Nach dem ersten Jahrzehnt der Nachkriegszeit war Liedersingen zunehmend uncool geworden, doch in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern des vorigen Jahrhunderts fingen junge Leute an, nach Liederbüchern zu kramen. Das passierte in Ost und West, leicht phasenverschoben, aber doch erstaunlich ähnlich. Woher diese Ideen kamen, was ihnen vorausging, was das junge Volk motivierte, hat Hanneken hier detailreich zusammengetragen, so detailreich, dass man sich auf nahezu jeder Seite festlesen kann.

Hanni Bode am 2. Juli im Gespräch mit Buchautor Bernhard Hanneken
Hanni Bode am 2. Juli im Gespräch mit Buchautor Bernhard Hanneken

Das Vorwort schlägt die Leitmotive bereits an, die einzelnen Großkapitel tragen Orte und Jahreszahlen von emblematischen Ereignissen im Titel, spielen mit der Idee einer zeitlichen Einordnung. Historische Meilensteine wie der Weberaufstand, die Demonstrationen gegen Kleinstaaterei und Fürstenwillkür vor der 1848er-Revolution, das Aufkommen der Jugendbewegung nach der Wende zum 20. Jahrhundert, die bündische Jugend und ihre Einflüsse auf spätere Geschehnisse und schließlich das, was die Deutschen trennt: eine rigide stalinistische Kulturpolitik im Osten mit den Versuchen, im Abstand zu den Verordnungen etwas Eigenes von unten her zu schaffen; eine bleierne Zeit mit Graswurzelbewegungen zu verschiedenen Themen, friedens- und umweltbewegt, voll zivilem Ungehorsam im Westen. Das ist spannende Geschichte neuester Zeit, wie sie im politischen Tagesgeschäft nur selten erinnert wird.

Zitate zahlreicher Protagonisten aus West und Ost

All das wird erzählt mit ausführlichen Zitaten unzähliger Protagonisten: Erich Schmeckenbecher, Hannes Wader, Hans Well von der einen, Jürgen B. Wolff, Jo Meyer, Manfred Wagenbreth von der anderen Seite, um nur einige zu nennen. Nur zu gern lässt sich Hanneken durch seine Informanten vom Weg, der strikt der Historie folgt, abbringen. Ganz nebenbei und unaufdringlich erfährt man, wie stark sich die Lebenswirklichkeiten beider deutscher Staaten unterschieden. Und es gibt Haken für die Erinnerung: Der Erfolg der Atomkraftgegner vom Kaiserstuhl mit den Liedern von Walter Moßmann; die verbotene Folk-Oper in Leipzig mit dem kompletten Textbuch als Faksimile, authentischer geht’s nicht; die unter einem Auf-und-Ab von Verboten durchgesetzte Hammer-Rehwüh, an der die Folkies prominent beteiligt waren. „Zeitzeugen als Alptraum für den Geschichtsschreiber“ – viel Aufmerksamkeit widmet der Autor der Ostseite mit ihrem Geflecht aus staatlicher Förderung und Kontrolle bis hin zur Bespitzelung; jedoch ist die Frage vielleicht nicht zu beantworten: Wie war es für den Beteiligten wirklich?

Rezension 2 von Peggy Luck (Jahrgang 1990) aus der Sicht einer Nachgeborenen

Bibliografische Angaben:
Bernhard Hanneken: Deutschfolk. Das Volksliedrevival in der BRDDR, Herausgeber: Stadt Rudolstadt,
Gebundene Ausgabe, 520 Seiten, 276 Fotos und Dokumente, Lesebändchen
ISBN 978-3-9819781-3-1, Preis: 39 €
Das Buch ist erhältlich über die Festival-Homepage sowie im Buchhandel.