Konzertina und Bandonion in der DDR-Folkszene

Die Veranstaltungsreihe „Bewegende Klänge“ in der Europäischen Kulturhauptstadt Chemnitz zeigte 2025 die Vielfalt von Konzertina, Bandoneon und Tango Argentino. Mindestens 30 DDR-Folkbands setzten in den 80er Jahren eines der beiden wechseltönigen Balginstrumente zur Liedbegleitung ein oder spielten damit zum Tanz. Während sie in der bundesdeutschen Szene kaum eine Rolle spielten, prägten sie damals den Sound der DDR-Folkszene. Woher kam diese Vorliebe?

Session mit drei Konzertinas 1979 in Erfurt: Matthias Kießling (Wacholder), Jürgen Wolff (Folkländer, verdeckt) und Reiner Luber (Brummtopf), Sammlung Wolfgang Leyn

In der Region verankert

Die Konzertina, erfunden 1834 in Chemnitz, wurde dort auch hergestellt. Das Bandonion, eine Weiterentwicklung des Instruments, kam u. a. aus dem erzgebirgischen Carlsfeld und wurde später von dort nach Argentinien und Uruguay exportiert, in die Heimat des Tangos. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts fand der Tanz auch in Paris, London und Berlin großen Anklang.

Konzertinaschule um 1914 (Sammlung Wolfgang Leyn)

Ende der 20er Jahre gab es in Deutschland fast 1.000 Konzertina- oder Bandonion-Vereine, in denen vor allem Arbeiter nach Feierabend musizierten. Das „Bergmannsklavier“ spielte man im Ruhrpott ebenso wie im mitteldeutschen Raum. Weit verbreitet war das Instrument noch während der 1930er Jahre in Tanz- und Unterhaltungskapellen. Während der Weimarer Republik wurde es zuweilen auch zur Wahlwerbung eingesetzt.

Musiktrio in Leipzig-Lindenau bei der Wahlpropaganda für die KPD 1930 (Foto: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig)

1987 trafen sich in Halle Bandonion- und Konzertina-Orchester aus Karl-Marx-Stadt, Jena, Dresden-Cotta und der Gastgeberstadt zum Erfahrungsaustausch. Noch Anfang der 90er Jahre probten im Ostberliner „Prenz’l Pub“ 10 bis 15 alte Herren des dortigen Bandonion-Orchesters. Doch seit den fünfziger Jahren waren Bandonion und Konzertina allmählich vom leichter spielbaren gleichtönigen Akkordeon verdrängt worden und landeten auf Dachböden oder beim Trödler. Daher konnten DDR-Folkmusiker sie dann zu günstigen Preisen erwerben.

Einer der früher zahlreichen Berliner Bandonion-Vereine (Foto: bandoneón.com)

Vorbild Folkländer

Jürgen Wolff, Frontmann der Leipziger Folkband Folkländer und einer der Ideengeber der DDR-Folkszene, entdeckte als einer der ersten die Konzertina für sich. Und er spielte das Instrument auch später im Duo Sonnenschirm. Sein erstes, eine 76-tönige Uhlig-Konzertina, erwarb er im August 1977 für 75 Mark in einem Plauener An- und Verkauf.

Straßenmusik mit Folkländer zur Leipziger Herbstmesse im September 1977, zweiter von links Jürgen B. Wolff (Foto Stefan Gööck)

Wohltuend unterschied sich die klare Oktavstimmung von der akkordeontypischen wabernden Schwebestimmung. Mit Gerhard Birnstock in Crimmitschau fand sich ein professioneller Stimmer, der fast jedes Instrument wieder zum Klingen brachte. Nur bei undichten Bälgen musste auch er kapitulieren. Ausgerechnet diese waren aber die Regel bei den gebrauchten und oft jahrelang unsachgemäß gelagerten Instrumenten. An einen neuen Balg zu kommen, war schlicht unmöglich, also wurde sonst was versucht, um die Risse und Löcher in den Balgfalten und die porösen Lederecken dicht zu kriegen.

Jürgen B. Wolff

Konzertina-Workshop während der 2. zentralen DDR-Folkwerkstatt in Leipzig im Januar 1981 mit Walter Gläsel, rechts Jürgen B. Wolff, hinten Matthias Uhlmann (Foto: Peter Uhlmann)

Instrumente von Veteranen

Wolfgang Scheibeler, Bandchef der Landleute in Neubrandenburg, kaufte 1982 sein Bandonion, „3-chörig, Marke Alfred Arnold, also ein Klassiker“, für 400 Mark einem betagten Musiker des Leipziger Bandonion-Orchesters ab. Dieser hatte das Instrument den Teilnehmern der Folkwerkstatt vorgestellt.

Wolfgang Scheibeler mit der Band Landleute aus Neubrandenburg (Foto: privat)

Die Berliner Band Asthma bekam 1982 auf ihre Suchanfrage in der Lokalpresse hin mehrere Bandonions „von den alten Spielern geschenkt oder für einen symbolischen Preis“ und erfuhr bei dieser Gelegenheit auch noch allerhand „ans Herz gehende Geschichten“.

Ekkehard Schleußner von der Berliner Folkband Asthma, 1983 (Foto: Sammlung Wolfgang Leyn)

Die Instrumente wurden auch innerhalb der Szene gehandelt oder getauscht. Auf diese Weise kam zum Beispiel Stephan Krawczyk von der Geraer Gruppe Liedehrlich zu seinem charakteristischen Begleitinstrument:

Die Folkländer hatten irgendwann eins in der Straßenbahn gefunden. Das gehörte niemandem von dem Bandonion-Orchester, das es wohl damals in Leipzig gab. Und dann haben sie das für 150 Mark verkauft. So sind wir zum Bandonion gekommen, weil wir von anderen gehört hatten: ‚Da muss doch noch was in der Tiefe sein!‘

Der Geraer Folkmusiker und Liedermacher Stefan Krawczyk ca. 1984. Bandonion spielt er bis heute.(Foto: Sammlung Wolfgang Leyn).

Effekt schon mit wenig Aufwand

Auf einen wichtigen Aspekt verwies der Berliner Multiinstrumentalist Bernd Eichler von der Folkband Windbeutel:

Konzertina und Bandonion sind Instrumente, bei denen sich mit relativ wenig Aufwand ein Effekt erreichen lässt. Da drückt man auf paar Knöpfe und schiebt das Ding hin und her, so wie es am Anfang eben auch in erster Linie eingesetzt wurde, und dann ist schon viel Sound da. Ähnlich wie jemand, der zur Elektrogitarre greift, erst mal nur drei Griffe beherrscht, damit aber einen ganzen Saal beschallen kann.

Bernd Eichler

Die Band Findlinge, 1984 in Leipzig gegründet, mit Heiko Guter am Bandonion (Foto: Sammlung Heiko Guter)

Der Bandoneon-Kenner und -Sammler Heiko Guter kaufte 2007 eine Industriebrache in Naunhof bei Leipzig und verwandelte das ehemalige Kranwerk in ein freies Kulturhaus. Dort lädt er jedes Jahr unter dem Motto "TANGOes" zu internationalen Bandoniontagen mit Konzerten und Kursen.

Gabi Meyer von JAMS aus Berlin spielte in den 80er Jahren Bandonion auch zum Folktanz (Foto: Peter Uhlmann)

Ungewohnte, exotisch wirkende Instrumente

Was Konzertina und Bandonion für die DDR-Folkszene wohl zusätzlich attraktiv machte, war die Tatsache, dass das Instrument, weil es kaum noch jemand spielte, auf das Publikum exotisch wirkte. Als vergessenes oder verdrängtes Instrument passte es auch gut zu dem verschütteten und nun von den Bands wieder ausgegrabenen Liedgut.

Bei ihren niederdeutschen Liedprogrammen setzte das Rostocker Duo Piatkowski/Rieck auch das Bandonion ein, rechts Joachim Piatkowski (Foto: Sammlung Wolfgang Rieck)
Der Liedermacher Dieter Kalka mit seiner Band Frohe Zukunft 1984 in Leipzig (Foto: Peter Uhlmann)
Liedkabarett in Halle: Notentritts Nachtprogramm 1984, an der Konzertina Peter Miethe (Foto: Sammlung Notentritt).
Session beim Folkfest 1980 im Dresdner Großen Garten, an der Konzertina Schottenschulle aus Berlin (Foto: Matthias Möbius)
Matthias "Kies" Kießling von der Cottbuser Band Wacholder, 80er Jahre (Foto: Jürgen Hohmuth/zeitort)
Peter Kingerske spielte 1987 Bandonion bei Tüdderkram in Wismar (Foto: Sammlung Ralf Gehler)
Matthias Uhlmann spielte Mitte der 80er Jahre Konzertina bei der Leipziger Tanz & Spring Band (Foto: Matthias Möbius)
Manoli Melidonie von der Freiberger Band Bruder Anton 1989 bei der Straßenmusik (Foto: Sammlung Melidonie)

Konzertina – Chemnitz – Kulturhauptstadt | 01.05.25