Lied-Empfehlung: Wie schön blüht uns der Maien | 18.05.25

Viele Lieder aus dem Deutschfolk-Revival der 1970er gerieten später in Vergessenheit. Hier gibt’s ab sofort jeden Monat eine Wiederentdeckung, mit Text, Noten, Musikbeispiel und Lied-Geschichte. Heute ein Ohrwurm, gesungen von Hannes Wader: 'Wie schön blüht uns der Maien'.

So lautete im Mai 2021 der Kurztext der allerersten Lied-Empfehlung auf ostfolk.de. Gegeben hatte sie Matthias "Kies" Kießling. Hier eine Neufassung, ergänzt u.a. um etliche Hörbeispiele (leider keines mit "Kies"):

Hannes Wader (um 1980), Foto Thomas Neumann

Hannes Wader (um 1980), Foto: Thomas Neumann/neumgraf.de

Der westdeutsche Liedermacher und Sänger Hannes Wader nahm das Liebeslied „Wie schön blüht uns der Maien“ 1975 auf Platte auf („Volkssänger“, Mercury). Die LP gab es zwar in der DDR nicht zu kaufen, dennoch kam sie ins Land und kursierte in der damals gerade entstehenden Ostfolk-Szene. Matthias „Kies“ Kießling, der 1978 in Cottbus die Gruppe Wacholder mitgründete, erinnerte sich, dass anfangs zum großen Teil Stücke von dieser Platte gespielt wurden, darunter „Wie schön blüht uns der Maien“. Seine Empfehlung: Das Lied sollte wieder gesungen werden!

Kies erinnerte das Lied an die erste DDR-Folkwerkstatt Ende Oktober 1976, zu der die Band Folkländer in den Studentenklub der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst eingeladen hatte:

„Das war meine erste Begegnung mit Folk als Livemusik. Für mich das Schlüsselerlebnis für meine spätere Entscheidung, selbst Folkmusik zu machen. Bei dieser Gelegenheit ging auch die "Volkssänger"-Platte von Hannes Wader reihum, auf der dieses Lied zu hören war. Es war mir plötzlich klar, dass dies die Musik war, der ich mich zukünftig verschreiben wollte.“

Und weshalb empfahl Kies das Lied "Wie schön blüht uns der Maien" zum Wiedersingen?

„Der Liebreiz der Worte und der Melodie sollte uns Grund genug sein, es zu hören und zu singen. Die unbestritten optimistisch positive Ausstrahlung entspannt sowohl Vortragende als auch Rezipienten. Was wären wir ohne die Ausflüge in unsere Traumwelten?“

Matthias Kießling von der Cottbusser Folkband Wacholder, daneben Jörg Kokott (Foto: Jürgen Hohmuth/zeitort)

Matthias "Kies" Kießling ist am 24. Oktober 2021 im Alter von erst 65 Jahren plötzlich und unerwartet gestorben.

NOTEN

Wie schön blüht uns der Maien, Noten

TEXT

Wie schön blüht uns der Maien,
der Sommer fährt dahin.
Mir ist ein schönes Jungfräulein
gefallen in meinen Sinn.
Bei ihr, da wär mir wohl,
wenn ich nur an sie denke,
mein Herz ist freudevoll.

Bei ihr, da wär ich gerne,
bei ihr, da wär mir wohl.
Sie ist mein Morgensterne,
strahlt mir ins Herz so voll.
Sie hat einen roten Mund,
tät ich sie darauf küssen,
mein Herz würd mir gesund.

Ich wollt, ich fänd im Garten
drei Rosen an einem Zweig.
Ich wollte auf sie warten,
ein Zeichen wär mir's gleich.
Das Morgenrot ist weit,
es streut schon seine Rosen:
Ade, du schöne Maid.

Textfassung von Ernst Pohl, 1911 abgedruckt in seinem Liederbuch für Wandervogelgruppen, später auch in der berühmten Liedsammlung des „Zupfgeigenhansl“.

MUSIKBEISPIELE

Hannes Wader und Finbar Furey (1975)
https://www.youtube.com/watch?v=jFgdXMloaCA

Zupfgeigenhansel (1984)
https://www.youtube.com/watch?v=2SZnrAIPViQ

Horch Halle (1984)
https://www.youtube.com/watch?v=2tH3Fuh86b0

Hein & Oss, Jürgen Schöntges, Thomas Kammacher (2013)
https://www.youtube.com/watch?v=1ZZ_pbJ0bxA

Die Grenzgänger Bremen (2017)
https://www.youtube.com/watch?v=l5gMKRUYJRA

Deitsch (2017)
https://www.youtube.com/watch?v=nF3u3vUrYXk

Gilles Chabenat, Drehleier & Daniela Heiderich, Harfe und Gesang (2018)
https://www.youtube.com/watch?v=warw1saw2ag

Hartmut Emig, Bearbeitung der Originalmelodie von Caspar Othmair von 1549 (2020)
https://www.youtube.com/watch?v=9Szy_m1RiF8

Tom Kannmacher (2021), sieben Strophen aus verschiedenen Quellen
https://www.youtube.com/watch?v=S2Sd_WMc10k

LIEDGESCHICHTE

Der Text des Liedes stammt aus Georg Forsters Sammlung „Frische Teutsche Liedlein“ von 1549. Einige Verse daraus wurden schon um 1530 in Nürnberg auf einem fliegenden Blatt verbreitet. Der poetische Text harmoniert wunderbar mit der fröhlich beschwingten Melodie. Diese findet sich in Ernst Scheles handschriftlichem Lautenbuch aus dem Jahr 1629. „Maien-Courante“ ist das Stück dort überschrieben.

Beides zusammengefügt hat 1911 der jugendbewegte Max Pohl (1869–1928) in einem Liederbuch für die Heidelberger Pachanten. Die 5-strophige Fassung aus „Des Knaben Wunderhorn“ kürzte er dafür auf drei Strophen. Auch die Melodie hat Pohl bearbeitet. Durch den „Zupfgeigenhansl“ und andere Wandervogel-Liederbücher erlebte das Lied eine weite Verbreitung, seit den 1970ern dann auch in der Folkszene, wo es bis heute ausgesprochen populär ist.

Die Courante ist ein lebhafter, fröhlicher, flotter Tanz im 3/4- oder 6/4-Takt, schneller als die Gaillarde, aber nicht ganz so schnell wie der englische Jig und nicht so „unanständig“ wie die Volte, der Skandal-Tanz der Renaissancezeit. Die Weise in Scheles Tabulaturbuch ist wiederum eine Abwandlung des englischen Tanzliedes „Sellinger's Round“ (auch St. Leger’s Round) aus der Zeit um 1600. Damals war es offensichtlich sehr beliebt. Es wird vermutet, dass der Rundtanz schon um 1540 in Irland populär war. Aus dem englischen Maientanz wurde 1614 während einer Pestepidemie in Schlesien die Weise des evangelischen Kirchenliedes „Valet will ich dir geben“.

Johann Sebastian Bach komponierte dazu eine Orgel-Fantasie und ein Choralvorspiel (BWV 735 bzw. 736). Und in der Anglikanischen Kirche singen die Gläubigen jedes Jahr am Sonntag vor Ostern die Hymne "All Glory, Laud and Honour" zu dieser Melodie. Übrigens, zur Weise von "Sellinger's Round" wird noch heute gern getanzt. Wer wissen möchte, wie das geht - hier ist es zu sehen.

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