Dieses schlichte erzgebirgische Mundartlied bringt wunderbar klar die Stimmung der Advents- und Weihnachtszeit zum Ausdruck. Eine Zeit mit Basteln, Backen und Kochen. Kleine Kinder schreiben ihre Wunschzettel, die größeren kündigen ihren Besuch an. Doch erstmal werden Pyramide, Schwibbogen, Nussknacker, Lichterengel und Lichterbergmann vom Dachboden geholt und in der Stube aufgestellt. Nicht nur im „Weihnachtsland“, dem sächsischen Erzgebirge, sondern weit darüber hinaus. Und das Raachermannl darf schweigend sein Pfeifchen rauchen.
VON WOLFGANG LEYN

NOTEN UND TEXT

Gahr fer Gahr gieht’s zen Advent of’n Buden nauf,
werd e Mannel aufgeweckt: „Komm, nu stist de auf!“
Is es unten in dr Stub, rührt sich’s net von Flack,
′s stieht, wu’s stieht. Doch bal gieht’s lus: ’s bläst de Schwoden wag.
Refrain:
Wenn es Raachermannel nabelt un es sat kaa Wort drzu,
un dr Raach steigt an dr Deck nauf, sei mr allezamm su fruh.
Un schie ruhig is in Stübel, steigt dr Himmelsfrieden ro,
doch im Harzen lacht’s un jubelt’s; Ja, de Weihnachtszeit is do.
’s hot zwaa stackendürre Baa un ann huhlen Leib,
zieht bedachtig an dr Pfeif ze sann Zeitvertreib.
Hot a fei schiens Gackel a, of ne Kopp ann Hut,
ober Maul un Nos sei schwarz, weil’s viel dampen tut.
Refrain
Kimmt zen Fast dr gruße Gung aus dr Fremd aham,
springt dr Klaane rüm ver Fraad, ach, dos is e Laabn!
Bricht drnoch de Dammring rei, nam mr’n Raacherma,
stelln ne mitten of’n Tisch, zünden a Kerzel a.
Refrain
Is dr Heilge Obnd nu ra, werd jeds ze ann Kind.
Wieder waarn in jeden Haus Lichter agezündt.
Jeds hofft, daß zen Heiling Christ aah e Packel kriegt.
Überol is Glanz un Pracht, un wie gut dos riecht!
Refrain
HÖRBEISPIELE
Crottendorfer Spatzen (1973)
https://www.youtube.com/watch?v=IK8i6RKvIWA&list=RDIK8i6RKvIWA&start_radio=1
Zschorlauer Nachtigallen (1995)
https://www.youtube.com/watch?v=JXewom2sWUo&list=OLAK5uy_lUqEmzkYUSMi3qjCUCi_uKWD0s69I4qJ0
Jazz-Jam-Session mit Anheizkesselwaerter (2013)
https://www.youtube.com/watch?v=1bCdtrBj3cI&list=RD1bCdtrBj3cI&start_radio=1
Chorfassung mit dem Kammerchor Weimar (2014)
https://www.youtube.com/watch?v=Syg0tU3m_H4&list=RDSyg0tU3m_H4&start_radio=1
Die Erzgebirgsamseln (2018)
https://www.youtube.com/watch?v=_BkQJxjhCD4&list=RD_BkQJxjhCD4&start_radio=1
Country-Fassung von Erzgebilly aus Oelsnitz/Erzgebirge (2019)
https://www.youtube.com/watch?v=AWGDTRhgCyc&list=RDAWGDTRhgCyc&start_radio=1
Orchesterfassung mit der Junge Philharmonie Augustusburg (2021)
https://www.youtube.com/watch?v=aVpxz4U6-1E&list=RDaVpxz4U6-1E&start_radio=1
Ensemble AuditivVokal Dresden (2023)
https://www.youtube.com/watch?v=CRJzCAr7iEY&list=RDCRJzCAr7iEY&start_radio=1

LIEDGESCHICHTE
„Wenn es Raachermannel nabelt“ gehört zu den bekanntesten Liedern in erzgebirgischer Mundart. Wer in der DDR aufgewachsen ist, dürfte die Aufnahme mit den Crottendorfer Spatzen im Ohr haben. Die Gesangsgruppe, bestehend aus 15 Frauen und Mädchen, hatte vor allem in der Weihnachtszeit viele Auftritte in Rundfunk und Fernsehen. Und sie war vertreten auf der 1973 eingespielten LP "Erzgebirgs-Weihnacht", erschienen beim DDR-Label ETERNA.
Text und Melodie des Liedes schrieb in der Adventszeit 1937 der Lehrer Erich Lang aus Olbernhau. Seit den 20er Jahren war er dort aktiv in Gesangvereinen. Er leitete das Schulorchester und die Singabteilung der Volksspielgruppe Olbernhau, dirigierte den Kirchenchor, war Organist und Kantor in der Kirche der erzgebirgischen Kleinstadt nahe der Grenze zu Böhmen.
Charakteristische Weihnachtsfigur
Räuchermännchen gehören mit Nussknackern, Lichterengeln und Lichterbergmännern zum Ensemble der erzgebirgischen Weihnachtsfiguren. Während Nussknacker meist Vertreter der Obrigkeit wie Könige, Soldaten oder Polizisten darstellen, denen man gern eine Nuss zu knacken gibt, sind die Räuchermänner eher Volkstypen wie Fuhrmann, Schäfer, Viehhändler, Pilzsucher, Waldarbeiter, Briefträger, Bäcker, Fleischer, Nachtwächter oder Feuerwehrmann. Oder aber Rastelbinder, so nannte man die Hausierer aus der Slowakei, die in den Dörfern des Erzgebirges Mausefallen und anderes feilboten. Schon früh tauchen auch Türken mit Turban und langem Mantel als Räuchermänner auf.
Statt Tabakrauch …
Das Pfeiferauchen hat Europa bekanntlich von Amerikas Ureinwohnern übernommen. Über England, Frankreich und Holland verbreitete sich „Tabaktrinken“, wie es damals genannt wurde, gegen Ende des 18. Jahrhunderts auch in Deutschland, genauer gesagt: unter Männern in Deutschland. In der Öffentlichkeit war es erst ab 1848 erlaubt.
… Weihrauch-Aroma
Die erzgebirgischen Raachermannln blasen keinen Tabakrauch in die Luft, sondern verströmen das Aroma von Weihrauch. Hatten doch die heiligen drei Könige dem Christuskind zusammen mit Gold und Myrrhe auch Weihrauch zum Geschenk gemacht. Seit 1750 werden im erzgebirgischen Crottendorf Räucherkerzchen hergestellt. Die etwa 2 cm hohen Kegel bestehen aus einer Mischung von Holzkohle, Kartoffelmehl, Sandelholz und Rotbuchenmehl mit dem Harz des Weihrauchbaums (oder anderen Duftstoffen).
Erzgebirgisches Kulturerbe
Die Figuren mit dem hohlen Bauch für die Räucherkerzchen wurden im 19. Jahrhundert von den erzgebirgischen Spielzeugmachern teils aus Holz gedrechselt, teils aus Teigmasse geformt. Unter dem Einfluss der Reformkunst setzten sich in den 1920er Jahren die sogenannten Kutten-Räuchermänner durch. Diese stilisierten Drechselfiguren mit dem gedrungenen Körper, ohne ausgeformte Arme und Beine dominieren bis heute das Angebot des Erzgebirgischen Kunsthandwerks. Das wurde übrigens 2025 in die Bundesliste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.
