
Dieses Liebeslied passt zum Spätherbst mit seinen grautrüben, nasskalten Tagen, an denen es früh gar nicht hell werden will. Sie schlagen aufs Gemüt, bringen schwere Träume mit düsteren Ahnungen. Die Melodie des romantischen Liebesliedes ist eine Volksweise aus der Zeit um 1775. Den Text dichtete 1820 Joachim August Christian Zarnack.
VON WOLFGANG LEYN
"Ich hab die Nacht geträumet" ist auf der Debüt-CD von Tworna aus Quohren bei Dresden enthalten (2021 Quartalspreis der deutschen Schallplattenkritik).
Wir singen das Lied, weil es ein traurig schönes Volkslied ist, welches durch die Jahrhunderte die Menschen berührt hat. Es thematisiert ein durch alle Generationen und Gesellschaftsschichten gleiches Gefühl auf eine poetische Art und Weise.
Tworna
NOTEN UND TEXT
Ich hab die Nacht geträumet
wohl einen schweren Traum,
es wuchs in meinem Garten
ein Rosmarienbaum.
Ein Kirchhof war der Garten,
ein Blumenbeet das Grab,
und von dem grünen Baume
fiel Kron und Blüte ab.
Die Blätter tät ich sammeln
in einen goldnen Krug.
Der fiel mir aus den Händen,
dass er in Stücke schlug.
Draus sah ich Perlen rinnen
und Tröpflein rosenrot.
Was mag der Traum bedeuten?
Herzliebster, bist du tot?
HÖRBEISPIELE
Wolfgang Roth, Folkways Records (1963)
https://www.youtube.com/watch?v=_jIbmpYFJO0
Zupfgeigenhansel, Esslingen (1976)
https://www.youtube.com/watch?v=lws5bERWLpk
Wild Silk, Bergstraße, Hessen (1996)
https://www.youtube.com/watch?v=9VAKyChGR1Q
Tine Kindermann, New York (2008)
https://www.youtube.com/watch?v=lgfCwdOvo_Q
Dresdner Kammerchor, Ltg. Hans-Christoph Rademann, Satz: Max Reger (2012)
https://www.youtube.com/watch?v=XcBsHrCnNBE
Gregor Wieland, Berlin (2020)
https://www.youtube.com/watch?v=kfWhjYLwWOw
Geschwister Well, Günzlhofen bei Fürstenfeldbruck (2013)
https://www.youtube.com/watch?v=9wkvCCCgK9s
rosenroth, Halle/Saale (2024)
https://www.youtube.com/watch?v=w2BedXLKMSk
Tworna, Quohren bei Dresden (2024)
https://www.youtube.com/watch?v=vQNZHGrtqF0&list=RDvQNZHGrtqF0&start_radio=1
LIEDGESCHICHTE
Die Melodie wurde erstmals 1777 in Christoph Friedrich Nicolais „Feynem kleynem Almanach“ abgedruckt, ist aber wohl älter. Den Text dichtete später der in Potsdam wirkende Prediger, Pädagoge und Volksliedsammler August Zarnack (1777–1827). Bekannt ist vor allem sein Lied „O Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter“, ursprünglich ebenfalls ein Liebeslied.
Liederhort und Zupfgeigenhansl
Sein Lied "Ich hab' die Nacht geträumet" veröffentlichte Zarnack 1820 unter dem Titel "Der schwere Traum" in „Deutsche Volkslieder für Volksschulen“. Später übernahmen es Ludwig Erk und Franz Magnus Böhme in den dreibändigen „Deutschen Liederhort“ (Leipzig, 1893/94).
Seine weite Verbreitung verdankt das Lied der Jugendbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Stand es doch in Hans Breuers „Zupfgeigenhansl“, der seit der Erstausgabe 1909 eine Gesamtauflage von über einer Million erreichte.

Rosmarin – Symbol für Liebe und Tod
Die Rosmarinpflanze stammt aus der Mittelmeerregion. Dort hatte sie seit der Antike kultische Bedeutung. Bei den alten Griechen war sie der Liebesgöttin Aphrodite geweiht. Die Römer schmückten ihre Hausaltäre mit Rosmarinsträußchen.
Nördlich der Alpen wurde die immergrüne Pflanze anfangs vor allem in Klostergärten angebaut, als Heil- und Küchenkraut. Als Symbol ihrer Zuneigung schenkten Troubadoure der Dame ihres Herzens Rosmarin. Bei Shakespeare bindet Ophelia dem geliebten Hamlet einen Rosmarinkranz zum Zeichen ihrer Treue.
In Deutschland trugen Bräute lange Zeit einen Rosmarinkranz, bevor die Myrte in Mode kam. Rosmarin verband man mit der Hoffnung auf ewige Jugend, Fruchtbarkeit und Glück. Auch eine aphrodisische Wirkung wurde ihm nachgesagt.

Zugleich ist Rosmarin eng mit der Bestattung von Toten verknüpft. Schon im alten Ägypten legte man Zweige der stark duftenden Pflanze in die Hände von Verstorbenen. Die alten Griechen flochten ihren Toten Kränze aus Rosmarinzweigen.
Im Europa der frühen Neuzeit wurde die Pflanze in Totenkronen gebunden. Außerdem trugen Trauernde beim Begräbnis ein Sträußchen Rosmarin bei sich, um durch den Duft ansteckende Krankheiten abwehren zu können. Wurde der Sarg in die Erde hinabgelassen, warf man die Zweige mit hinein.