Lied-Empfehlung: „Frühlingszeit, machst uns das Herz so weit“ | 01.05.26

In der DDR stand dieses Lied seit den 50er Jahren in den Schulliederbüchern, in Westdeutschland ist es weitgehend unbekannt. Angeblich kommt es aus Böhmen, doch Genaues weiß man nicht. Fest steht: Das tänzerisch beschwingte Lied über den Frühling und den Mai eignet sich hervorragend zum gemeinsamen Singen.

VON WOLFGANG LEYN

Birken gehören zu den ersten Bäumen, die im Frühling austreiben (Foto: Wolfgang Leyn)

Von Maien und Buhlen

Besonders in den sehr alten Volksliedern ist manches Wort heute kaum noch verständlich. Im Lied "Der Winter ist vergangen" aus dem 16. Jahrhundert heißt es in der zweiten Strophe: "Ich geh, ein‘ Mai‘ zu hauen, hin durch das grüne Gras“. Wir alle haben sie wohl schon gesungen. Doch was bedeutet sie eigentlich? Gemeint ist hier nicht etwa der Monat Mai, sondern eine Maie. Das ist ein grüner Birkenzweig oder ein Birkenbäumchen. Und das stellte man einst der Angebeteten, also seiner „Buhlen“, vor die Tür: „Schenk meiner Buhl‘n die Treue, die mir die Liebste was“.

Bis heute lebendig sind zahlreiche Volksbräuche rund um den 1. Mai oder das Pfingstfest. So sehr sie sich von Landschaft zu Landschaft, von Ort zu Ort unterscheiden, Mailiedersingen und der Tanz um den Maibaum gehören so gut wie überall dazu. Beides habe ich beim Festival FOLKUS im Alten Kranwerk Naunhof erlebt. Einige der Lieder, die wir dort gesungen haben, sind am Ende dieser Seite zu finden. Doch meine besondere Empfehlung gilt diesmal dem Lied „Frühlingszeit“. Kennengelernt habe ich es mit einem vierstimmigen Chorsatz. Doch auch einstimmig klingt es für mein Gefühl sehr schön.

NOTEN UND TEXT

HÖRBEISPIELE

Joseph Münch, Haag (Oberbayern): instrumental (Akkordeon), 2012:
https://www.youtube.com/watch?v=zBwGolhvE_8

Gemischter Chor “Musica Vita” Querfurt, 2021
https://www.youtube.com/watch?v=ZwZdT4fAxpE

Studiochor Berlin, 2007
https://www.youtube.com/watch?v=qiXq24qwZM0

LIEDGESCHICHTE

Offensichtlich hat „Frühlingszeit“ eine rein ostdeutsche Überlieferungsgeschichte. Es stand hier seit den 50er Jahren in Schulliederbüchern und wird bis heute von Chören gern gesungen. In westdeutschen Liedsammlungen habe ich es dagegen vergeblich gesucht. Wer hat es geschrieben? „Text Franz Klein, Böhmische Volksweise“ steht als Quellenangabe in „Ringsum erwachen Lieder. Chorbuch für Oberschulen 9. – 12. Klasse“, erschienen 1956 im Verlag Volk und Wissen in Berlin/DDR.

Welche Volksweise ist aber gemeint, wann wurde sie wo aufgezeichnet? Und wer war Franz Klein, der Autor des deutschen Textes? Vielleicht der österreichische Journalist und Schriftsteller Franz Robert Klein (1895-1964), welcher 1941 als Emigrant in Kanada unter dem Pseudonym Robert Ingrim 1941 das monarchistische Blatt "Voice of Austria" herausgab? Sollte der den Liedtext verfasst haben? Wenig wahrscheinlich. Eher wohl ist der Name Franz Klein ein Pseudonym. Doch wer versteckte sich dahinter und warum? Fragen über Fragen.

Die Ergebnisse meiner Recherchen im Internet, beim Deutschen Volksliedarchiv (respektive ZPKM) in Freiburg und bei einem tschechischen Musikjournalisten und Volksliedkenner kann ich kurz mit einem Goethe-Zitat zusammenfassen: „Da steh ich nun, ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor“.

Womöglich ist das angeblich böhmische tatsächlich ein DDR-Volkslied? Wer seinerzeit im zweiten deutschen Staat aufgewachsen ist, kann es zumindest mitsummen. Beim allwöchentlichen Bürgersingen im Leipziger Johannapark gehört „Frühlingszeit“ ganz selbstverständlich zum Standardrepertoire.

Wer auch immer das Lied „Frühlingszeit“ gedichtet und komponiert hat – mit seiner tänzerisch beschwingten Melodie und seiner freudigen Botschaft gehört es zu meinen Lieblingsliedern über die schönste Jahreszeit. Deswegen empfehle ich es auch gern zum gemeinsamen Gesang.

Das offene Volksliedersingen in Leipzig gibt es seit 2015.

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