Irish Folk zwischen Ostsee und Erzgebirge | 17.03.26

Anlässlich des St. Patrick's Days wird die Rudolstädter Heidecksburg grün angestrahlt (Foto: Stadt Rudolstadt/Alexander Stemplewitz)
Anlässlich des St. Patrick's Days wird die Rudolstädter Heidecksburg grün angestrahlt (Foto: Stadt Rudolstadt/Alexander Stemplewitz)

Iren und Irlandfans in aller Welt feiern am 17. März den St. Patrick's Day. Mit Guiness, Whiskey und Irish Folk. In den 70er Jahren begann das Folk-Revival in beiden deutschen Staaten irisch. Auch heutzutage ist Folkmusik von der „grünen Insel“ hierzulande sehr beliebt. Am höchsten irischen Feiertag, dem St. Patrick’s Day am 17. März, sind die hiesigen Pubs jedesmal voller als üblich. Deutsche Irish Folk Bands fiddeln, dudeln, whistlen, trommeln, was das Zeug hält, schmettern die traditionellen Pubsongs. Konzerte finden zur Feier des Tages auch an ungewöhnlichen Orten statt, so 2026 in einer der Rübeländer Tropfsteinhöhlen. In Magdeburg lädt das 18. Irish Folk Festival in die Festung Mark ein. Und Rudolstadt feiert ein Straßenfest unter der grün angestrahlten Heidecksburg mit Livemusik irischer Künstler und Gästen aus der Partnerstadt Letterkenny. – Wir nutzen den Anlass zu einem Rückblick auf das Genre zu DDR-Zeiten, ergänzt um aktuelle Irish-Folk-Session-Termine zwischen Ostsee und Erzgebirge.

Irish Folk Session während der ersten DDR-Folkwerkstatt im Oktober 1976 in Leipzig mit Musikern aus Berlin, Greifswald und Leipzig, an der Gitarre Iren-Schulle (Foto: Peter Uhlmann)

In den 1970er Jahren bot die durch in Deutschland auftretende Künstler bekanntgewordene traditionelle irische Musik einen attraktiven performativen Ersatz für eine von den Nazis missbrauchte deutsche Volksliedtradition [...] Durch die Einwirkung von Globalisierungsprozessen hat sich die irische Folkmusik immer stärker von ihren ethnischen Wurzeln gelöst und ist transnational zugänglich geworden.

Felix Morgenstern, Musikethnologe (Uni Graz, Österreich) und Irish-Folk-Musiker (Bodhran und Uillean Pipes)

Bevor sich 1975 im Hamburg die Gruppe Liederjan formierte, waren die drei Musiker ab 1969 als Tramps and Hawkers mit Irish Folk durch die Klubs gezogen, ähnlich wie Fiedel Michel aus Münster es zuvor als The Rambling Pitchforkers taten. In der DDR spielte seit 1972 die Studenten-Singegruppe Larkin an der Berliner Humboldt-Universität irische Folklore. Geleitet wurde sie vom Anglistik-Dozenten Jack Mitchell, der als Sohn einer Irin und eines Schotten in London aufgewachsen war und nun als Anglistik-Dozent in Ostberlin lebte. 1973 gründete er dort außerdem die Folkband Jack & Genossen. Deren 1975 erschienene AMIGA-Single mit zwei irischen Folksongs war zugleich die erste Plattenveröffentlichung der jungen DDR-Szene. Irisch musizierten ab 1975 die Band Enniskillen in Greifswald, "Iren-Schulle" (Frithjof Schulze) in Berlin oder Brummtopf in Erfurt. Auch die Folkländer in Leipzig brachten 1976 ein rein irisches Programm auf die Bühne.

Irish Folk - Maßstab und Vorliebe

The Aberlour's: Klaus Adolphi, Val Gregor, Steffen Vulpius (von links, Foto: aberlours.de)

Bald wandten sich viele Bands in der DDR wie zuvor schon in der BRD dem Deutschfolk zu, prüften das eigene Volkslied-Erbe mit der „irischen Brille“ auf heutige Verwendbarkeit und wurden fündig in der Sammlung „Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten“ von Wolfgang Steinitz (Ostberlin 1954 und 1962). Später brachten einige DDR-Bands durchgestaltete abendfüllende Programme auf die Bühne wie 1984 Wacholder in Cottbus mit Liedern der Revolution von 1848 oder Notentritt in Halle mit einem kabarettistischen „Nachtprogramm“. Die meisten anderen Ost-Folkbands spielten zum Volkstanz. Dennoch blieb das Faible für Irish Folk bei vielen Bands in Erfurt, Leipzig, Ostberlin, Potsdam, Rostock, Halle oder Jena lebendig. Und die Tin Whistle wurde nun auch bei Stücken eingesetzt, die nicht aus Irland oder Schottland stammten. Rund 20 Bands spielten 1990 Folk von der "grünen Insel". Im Folker 6/1990 gab Kerstin Braun einen Überblick über die Irish-Folk-Bands in der DDR.

Daher verwundert es wenig, dass Matthias „Kies“ Kießling, 1978 Mitbegründer von Wacholder, ab 2000 gemeinsam mit irischen Musikern von Norland Wind, dem Màire Breatnach Trio und Éist musizierte. Klaus Adolphi spielt seit 1979 in Halle mit der Band Horch Mittelalter-Folk-Rock und seit 1999 außerdem mit The Aberlour's "Celtic Folk 'n' Beat". Als West-Pendant wäre in Hamburg 2015 das „deutsch-irish-kreuz-over“ von Liederjan und Iontach zu nennen. Nicht anders auch in der nächsten Generation: Tim Liebert alias Doc Fritz begann 1986 zunächst bei Ginster mit Deutschfolk und spielte ab 1994 in Jena mit den Publiners Irish Folk. Seitdem tanzt er sprichwörtlich auf mehreren Hochzeiten, musiziert u.a. als Doc Taylor and the Red Haired Girl mit einer walisischen Geigerin und Sängerin. Gudrun Walter aus Baden-Württemberg, bekannt von der 2003 gegründeten Irish-Folk-Band Cara und der Deutschfolk-Band Deitsch, ist nach eigenen Worten „mit zwei musikalischen Muttersprachen aufgewachsen“.

Jeder vierte Ostfolk-Musikant spielt irisch

Irish Pub Morrison's in Leipzig
Irish Pub Morrison's in Leipzig

Heutzutage spielen zwischen Ostseeküste und Erzgebirge mehr als 180 Bands Folk- und Weltmusik, davon rund ein Viertel ganz oder zum Teil Irish Folk. Welche das sind, ist der Linkliste der Ostfolk-Bands zu entnehmen. Wichtiger Auftrittsort sind dabei Irish Pubs. Über 800 gibt es davon in Deutschland, 188 allein in Nordrhein-Westfalen, 70 in Berlin. Unter den ostdeutschen Flächenländern hat Sachsen mit 40 Publs die Nase vorn. Die meisten entstanden in den 80er Jahren in der alten Bundesrepublik. Nach 1990 hat der Osten schnell nachgezogen. Es dürfte heute auch hier kaum eine größere Stadt ohne wenigstens einen Irish Pub geben. Sie bieten nicht nur gemütliche Kneipen-Atmosphäre, sondern auch Live-Konzerte sowie Abende mit offener Bühne, an denen Gäste gemeinsam musizieren und singen.

Regelmäßige Irish Folk Sessions in Leipzig, Weißenfels, Rudolstadt, Halle, Dresden, Jena, Berlin, Potsdam, Rostock und Greifswald

Tourneen - nicht alle auch im Osten

Seit Beginn des irischen Folk-Revivals in den 60er Jahren sind Gastspiele von Musikern wie den Dubliners, den Chieftains oder später der kommerziellen Tanzshows Riverdance und Lord of the Dance beliebt in Deutschland. Regelmäßig touren Bands aus der Republik Irland und aus Nordirland, manche unverständlicherweise auch mehr als 30 Jahre nach dem Beitritt Ostdeutschlands weiterhin nur im Westen des Landes und in Berlin (weil es mal Westberlin gab), was nicht am Desinteresse der Musiker und Tänzer liegt, sondern an deren Agenturen.

Irish Heartbeat Festival 2026
Irish Spring Festival of Irish Folk Music 2026

Festival und Workshop

Am 20. und 21. März 2026 wird in der Magdeburger Festung Mark nun schon zum 18. Mal die lebendige irische Kultur gefeiert. Auf zwei Bühnen in den historischen Gewölben und im Innenhof spielen internationale und deutsche Bands, darunter Nobody Knows aus Tangermünde, The Aberlour's aus Halle und Bad Penny aus Rostock. Geboten wird ein abwechslungsreiches Programm zwischen irischer Tradition, Rock und modernen Folk-Sounds. Jeweils im Februar findet im thüringischen Rittergut Lützensömmern ein Irish Folk Workshop statt, 2026 bereits zum 10. Mal.

Doc Taylor and the Red Haired Girl: Tim Liebert, Jenny Price und Nico Schneider (von links), Foto: Linda Pickny