Es ist an der Zeit – Lieder gegen den Krieg

Reden und rüsten wir gerade den nächsten Krieg herbei? Das deutsche Folk-Revival, das Mitte der 1970er Jahre entstand, war von Anbeginn eng mit der Friedensbewegung verbunden. Ich finde, daran sollten wir anknüpfen. Mit Liedern und Aktionen gegen den Krieg.

Schlechte Zeit für Friedenstauben (Foto: Wolfgang Leyn)
Schlechte Zeit für Friedenstauben (Foto: Wolfgang Leyn)

VON WOLFGANG LEYN

Allgegenwärtige Kriegsrhetorik

„Wo soll ich mich hinwenden / in dieser schlechten Zeit? / An allen Orten und Enden / ist nichts als Hass und Streit“ – diese Liedzeilen vom Ende des 18. Jahrhunderts klingen hochaktuell.

Deutschland solle wieder „kriegstüchtig werden“, fordert der Bundesverteidigungsminister. Der NATO-Generalsekretär verlangt, dass das Bündnis „tödlicher werde“. Dazu passt die Meinung des Potsdamer Militärhistorikers Sönke Neitzel: „Wir müssen das Kriegshandwerk wieder lernen“. Womöglich erlebten wir gerade „den letzten Sommer im Frieden“, orakelt er. Jens Spahn, Vorsitzender der Unions-Bundestagsfraktion, sieht schon „den Russen vor der Tür" stehen und plädiert für deutsche Atomwaffen. Abschreckung und Vergeltung sind allgegenwärtige Vokabeln in deutschen Leitmedien. Wer für Abrüstung eintritt, für Diplomatie und Deeskalation, gilt als „aus der Zeit gefallen“ oder wird als „Lumpenpazifist“ beschimpft.

Aufrüstung wie nie zuvor

2022 überfiel Russland die Ukraine. Friedensverhandlungen kurz nach Kriegsbeginn wurden von Washington verhindert. Nun blockiert Moskau. Seit dem Pogrom der Hamas vom Oktober 2023 führt Israel einen erbarmungslosen Krieg gegen die Bevölkerung des Gazastreifens, bombardierte Libanon, Syrien, Jemen, Iran, im Juni 2025 auch mit US-Unterstützung.

Zur selben Zeit standen die Atommächte Indien und Pakistan kurz vor einem Krieg. Alte Grenzkonflikte zwischen Thailand und Kambodscha flammen immer wieder auf. 2024 stiegen die weltweiten Militärausgaben im Vergleich zum Vorjahr um fast zehn Prozent. Laut Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI ist das der höchste Anstieg seit dem Ende des Kalten Krieges. Atomwaffenarsenale würden modernisiert, Rüstungskontrollabkommen aufgekündigt. Im Februar 2026 läuft der "New START"-Vertrag aus, das letzte bilaterale Abkommen zwischen Russland und den USA zur Reduzierung strategischer Atomwaffen.

Während russische Regierungsberater empfehlen, die "zivilisierende Funktion der nuklearen Einschüchterung" gegenüber dem Westen "aufzufrischen", verlegen die USA Atom-U-Boote näher an die russische Grenze, möchten sich Kanada und Grönland einverleiben. In der Karibik versenken sie auf offener See Boote aus Venezuela. Anfang Januar 2026 überfallen sie das Land, um die Kontrolle über die Ölreserven wiederzuerlangen.

Im Sudan kamen bei den Machtkämpfen rivalisierender Militärs seit 2023 mindestens 150.000 Menschen ums Leben, zwölf Millionen sind auf der Flucht. China probt bei Manövern rund um Taiwan die Besetzung der "abtrünnigen Provinz". Die USA versprechen Taiwan Waffen für über 11 Milliarden Dollar.

Die Militarisierung des Lebens nimmt auch in Deutschland Fahrt auf. Der Rüstungsetat soll sich bis 2029 nahezu verdoppeln. Bald könnte die Wehrpflicht wieder eingeführt werden. In Bautzen werden statt Eisenbahnwaggons demnächst Panzerteile produziert. Rheinmetall errichtet in der Lüneburger Heide Europas größte Munitionsfabrik. Geprüft wird, welche Tunnel, U-Bahnhöfe, Tiefgaragen und Keller öffentlicher Gebäude in Deutschland sich als behelfsmäßige Bunker eignen. Zugleich liefert Deutschland Waffen an Israel für dessen völkerrechtswidrigen Krieg gegen die palästinensische Zivilbevölkerung.

Es ist an der Zeit

Auf jeden toten Soldaten kommen heute zehn getötete Zivilisten, im Gaza-Streifen mit Sicherheit weit mehr. In Syrien liegen nach 14 Jahren Krieg rund 300.000 Blindgänger und Minen im Boden. Wie viele sind es in der Ukraine? Krieg verschärft die globalen Krisen. Millionen Menschen sind gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Krieg bringt Leid und Zerstörung, führt zu Hass und Verbitterung, wird Anlass für neue Kriege. Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts.

Hier sind die Texte von sieben bekannten Antikriegsliedern, die sich auch zum Mitsingen eignen (am Ende des Artikels alle zusammen als Download). Auf Hörbeispiele per youtube-Link habe ich wegen der neuerdings unerträglich vielen Werbespots schweren Herzens verzichtet.

Es ist an der Zeit
von Hannes Wader (1980), Adaption eines Liedes von Eric Bogle (Australien)

Ich bin Soldat, doch bin ich es nicht gerne
Volkslied aus dem Deutsch-französischen Krieg 1870/71

Dona nobis pacem
3-stimmiger Kanon, entstanden wohl um 1900

Kleine weiße Friedenstaube
DDR-Kinderlied von Erika Mertke (1949), angeregt durch ein Plakat zum Pariser Weltfriedenskongress mit Picassos Taube

Wo soll ich mich hinwenden?
Lied eines zwangsrekrutierten Soldaten (1792), Fassung von Hannes Wader (1975)

Nach dieser Erde
3-stimmiger Kanon mit einen Text von Gerd Kern (1981), komponiert 1971 vom US-Liedermacher Don McLean nach einem Kanon des britischen Barockkomponisten Philip Hayes’ über den Text des 137. Psalms in der Bibel

Zogen einst fünf wilde Schwäne
Volkslied aus Ostpreußen vom Anfang des 20. Jahrhunderts

Friedenslieder
mit Text, Noten, Hörbeispielen und Liedgeschichte

Die Reise nach Jütland
Für den Krieg rein gar nichts
Kleine weiße Friedenstaube
Wenn ich einmal der Herrgott wär
Zogen einst fünf wilde Schwäne

Weitere Friedenslieder – Audio und Video

Folkländer: "And the Band Played Waltzing Matilda"
Jürgen B. Wolff dichtete Eric Bogles Folksong von 1971 im vogtländischen Dialekt nach. Im Lied geht es um einen jungen australischen Soldaten. Während des 1. Weltkrieges erlebt er in der Schlacht von Gallipoli an den Dardanellen die Gräuel des Krieges und kehrt als Invalide zurück. Der Liedtitel nimmt Bezug auf „Waltzing Matilda“, Australiens inoffizielle australische Hymne. Die Live-Aufnahme ist auf der Doppel-CD „Das Beste & Reste von Folkländer/Bierfiedler“ (HEIDECK records, 2000) enthalten.
https://www.youtube.com/watch?v=Xh55mshjgbU&list=RDXh55mshjgbU&start_radio=1

The Clancy Brothers & Tommy Makem: "Johnny I Hardly Knew Ye"
Den Text des Liedes schrieb Joseph B. Geoghegan 1867 in London, die Melodie stammt von dem amerikanischen Lied „When Johnny Comes Marching Home“ aus dem amerikanischen Bürgerkrieg. Eine junge Frau trifft ihren früheren Geliebten, der im Krieg in Ceylon so entstellt wurdem, dass sie ihn kaum wiedererkannte: „Where are your legs that used to run / When you went for to carry a gun / Indeed your dancing days are done / Oh Johnny, I hardly knew ye”. Joan Baez sang dieses Lied in den 70er Jahren als Protest gegen den Vietnamkrieg. Hier eine Aufnahme mit Clancy Brothers & Tommy Makem von 1961. Auch in der DDR-Folkszene wurde das Lied gesungen.
https://www.youtube.com/watch?v=QMpsOfv1tKI

Bob Dylan: Masters of War
Auf die Melodie der Folkballade „Nottamun Town“ schrieb Dylan 1963 seinen zornigen Song gegen Schreibtischtäter und Kriegsgewinnler, für die Menschenleben nichts zählen, die ungerührt zuschauen, wie andere sterben. In der letzten Strophe wünscht er ihnen den Tod: "And I hope that you die / And Your death will come soon / I'll follow your casket / By the pale afternoon / And I'll watch while you're lowered / Down to Your deathbed / And I'll stand over Your grave / Til I'm sure that you're dead." – "Ich werde an Euerm Grab stehen, bis ich sicher bin, dass Ihr wirklich tot seid".
https://www.youtube.com/watch?v=JEmI_FT4YHU

Wenzel: Meister des Kriegs
2013 – fünfzig Jahre später – verfasste Hans-Eckardt Wenzel, der sich selbst einen „sturen Pazifisten“ nennt, seine deutsche Nachdichtung des Dylan-Songs.
https://www.youtube.com/watch?v=FZ-5otTiuz4&list=RDFZ-5otTiuz4&start_radio=1

Musikalische Friedensaktionen

Hoffnung auf Frieden – Konzert des MDR-Rundfunkchores am 20.03.26 in der Leipziger Peterskirche

  • Veljo Tormis (1930–2017): "Raua Needmine" (Fluch des Eisens)
  • Kurt Hessenberg (1908–1994): "O Herr, mache mich zum Werkzeug deines Friedens" op. 37 Nr. 1
  • Iannis Xenakis (1922–2001): "Nuits"
  • Rudolf Mauersberger (1889–1971). "Wie liegt die Stadt so wüst" RMWV 4 Nr. 1
  • Krzysztof Penderecki (1933–2020): "Ize cheruvimy" (Cherubinischer Lobgesang)
  • Maximilian Steinberg (1883–1946): "Schweiget alle, die ihr sterblich"

https://www.mdr.de/konzerte/konzertkalender/konzert-3082.html

Wir für den Frieden – Open-Air-Konzert am 30.08.25 im Meininger Schloss Elisabethenburg
https://www.grasgruen-meiningen.de/event-details/friedenskonzert-wir-fur-den-frieden

Mit Chören den Frieden wecken – Mitmachtipps für Chöre und Musikgruppen im Rahmen der ökumenischen FriedensDekade vom 9. bis 19. November 2025
https://www.friedensdekade.de/mit-choeren-den-frieden-wecken-musik-und-singen-fuer-die-friedensdekade-2025/

Friedenslieder mit Noten im Bildungsserver Sachsen-Anhalt
https://www.bildung-lsa.de/files/1c110ef2f5f8247873ae73943cf0f484/friedenslieder_datei.pdf

Friedensliederkonzert zum Thüringentag am 4. Mai 2025 in Gotha
https://www.ostfolk.de/aktuell/friedensliederkonzert-zum-thuringentag-am-4-mai-in-gotha-29.04.25/

"Friede ernehret, Unfriede verzehret", Inschrift über dem Portal von Schloss Friedenstein in Gotha (Foto: Wolfgang Leyn)
"Friede ernehret, Unfriede verzehret", Inschrift über dem Portal von Schloss Friedenstein in Gotha (Foto: Wolfgang Leyn)

Das Gedächtnis der Menschheit für erduldete Leiden ist erstaunlich kurz. Ihre Vorstellungsgabe für kommende Leiden ist fast noch geringer. […] Lasst uns die Warnungen erneuern, und wenn sie schon wie Asche im Mund sind! Denn der Menschheit drohen Kriege, gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind, und sie werden kommen ohne jeden Zweifel, wenn denen, die sie in aller Öffentlichkeit vorbereiten, nicht die Hände zerschlagen werden.

Bertolt Brecht (1952)

Downloads: