Die Sands Family – Iren zum Anfassen

Sands Family: Colum, Tommy, Anne und BenColum, von links (Pressefoto)
Die Sands Family: COLUM SANDS – Gesang, Fiddle, Gitarre, Concertina, Kontrabass; TOMMY SANDS – Gesang, Gitarre, Banjo, Tin Whistle; ANNE SANDS – Gesang, Bodhran; BEN SANDS – Gesang, Mandoline, Gitarre, Tin Whistle (Pressefoto)

Die legendäre Folkband aus Nordirland gastierte am 4. September 2026 in der Berliner Villa Felice sowie am 5. und 6. September bei SINNESWANDEL im brandenburgischen Garzin-Garzau. Die drei Konzerte der Sands Family sind so gut wie ausverkauft, das Gastspiel aber ein guter Anlass, an die Rolle der Band für das ostdeutsche Folk-Revival zu erinnern. Dazu Stimmen von Scarlett O‘, Manfred Wagenbreth und Jürgen B. Wolff.

Seit 2015 organisiert Scarlett O‘ (Ex-Wacholder) mit ihrem Partner Jürgen Ehle (Ex-PANKOW) Konzerte im und am gemeinsamen Haus in Garzin-Garzau mitten im Naturpark Märkische Schweiz. Unter dem Motto SINNESWANDEL sind dort Interpreten von Lied, Folk, Rock und Jazz zu erleben, darunter auch die beiden Gastgeber. Und nun zum Abschluss der Geburtstags-Garten-Konzert-Saison die Sands Family.

Sie sind ganz besondere Weggefährten, auf die wir uns riesig freuen. Alle haben sie schon bei uns Konzerte gegeben, solo und als Trio. Diesmal wird THE SANDS FAMILY komplett extra zu unserem Jubiläum für gleich zwei Konzerte einfliegen.

Scarlett O‘

Wacholder mit Sands Family und Dick Gaughan 1983 beim Festival des politischen Liedes in Ost-Berlin (Foto: Thomas Neumann/neumgraf)
Wacholder mit Sands Family und Dick Gaughan 1983 beim Festival des politischen Liedes in Ost-Berlin (Foto: Thomas Neumann/neumgraf)

1983 stand Scarlett als Mitglied der Folkband Wacholder beim Festival des politischen Liedes in Berlin gemeinsam mit der Sands Family auf der Bühne. 1988 tourten dann beide Bands durch die DDR. Und so stellt Scarlett jetzt die Gäste beim SINNESWANDEL-Konzert auf ihrer Website vor:

Musik für Geist, Haltung und Seele

Von ihren Eltern Bridie (Sängerin) und Mick (Fiddlespieler) inspiriert, waren sie schon früh mit der traditionellen irischen Musik vertraut, bereits 1968 veröffentlichten die Geschwister Anne, Tommy, Ben, Colum und Dino (†) ihre erste LP. Seit den 70er Jahren gehören sie zu den wichtigsten Vertretern irischer traditioneller Musik und interpretieren auch eigene Songs zu den politischen Themen der Irischen Insel und der Welt. Ihr Beitrag zum Ende des Bürgerkriegs in Nordirland ist unbestritten. Für die deutsche Folklorebewegung, die vom Irish Folk stark beeinflusst wurde, gehörten sie zu wichtigen Inspiratoren.

Seit vielen Jahren sind die SANDS weltweit unterwegs, solistisch und als FAMILY, standen und stehen mit berühmten Kollegen auf der Bühne. So war Tommy z. B. sehr eng mit Pete Seeger befreundet, dem er zum 90. Geburtstag im New Yorker „Madison Square Garden“ neben Gratulanten wie Bruce Springsteen ein Ständchen brachte.

Dass sie selbst im mittlerweile etwas fortgeschritteneren Alter kraft- und inhaltsvoll musizieren können, stellen sie dabei unter Beweis. Es erwartet uns ehrliche, handgemachte irische Musik für Geist, Haltung und Seele.

Sands Family (von links: Ben, Tommy, Colum) 1980 beim Festival des politischen Liedes in der Werner-Seelenbinder-Halle, der größten Sporthalle der DDR-Hauptstadt (Foto: Thomas Neumann/neumgraf)

Für Ostdeutsche die ersten Iren zum Anfassen

Auch Manfred Wagenbreth, Folkmusiker in Berlin und Leipzig (u. a. bei Jack & Genossen, Windbeutel, Folkländer, Die sieben Leben und Duo Wagenbreth/Uhlmann) Musikredakteur, Diplomübersetzer für Englisch und Französisch, hat eine besondere Beziehung zu den Sands. Er dolmetschte für sie beim Festival des politischen Liedes und er verfasste 1981 für die AMIGA-Langspielplatte der Sands Family den Begleittext. 2008 nahm er in seiner Leipziger Wohnung zusammen mit Ben Sands eine halb irisch, halb deutsche CD auf. Dies ist sein Blick auf die Sands Family:

Sie kamen genau zur rechten Zeit. In der ersten Hälfte der 70er Jahre hatte sich ja schon herumgesprochen, dass ein Völkchen am westlichen Rande Europas erheblichen Spaß mit seiner überlieferten Volksmusik hatte. Neid diesbezüglich bei deutschen Musikern und noch größer das Interesse dafür, wie sie das anstellten, die Iren.

Gewiss hatte man von den Dubliners gehört, von den Clancy Brothers, den Chieftains. Für das Publikum im Osten Deutschlands waren die Mitglieder der Sands Family aus der nordirischen Grafschaft Down die ersten Iren zum Anfassen. Und die kombinierten nun mit unverkennbarer Freude traditionelle Volkslieder und aktuelle Songs – vor allem über die Auseinandersetzungen und Unruhen jener Jahre in ihrer Heimat – mit jugendlichem Charme und sympathischer Anarchie.

Ihre Auftritte bei den Festivals des politischen Liedes in Ostberlin waren legendär. Ihre Lieder wie THE WINDS ARE SINGING FREEDOM, A MAN NAMED ARMSTRONG, ALL THE LITTLE CHILDREN oder JOHNNY I HARDLY KNEW YOU fanden sich bald im Repertoire diverser Formationen auch in der Folk-Szene der DDR, die die Sands Family mit ihrem Fundus, ihrer Herangehensweise und ihrer mitreißenden Bühnenpräsenz nachhaltig geprägt hat.

Die Jahre gingen ins Land. Die Sands verfolgten zunehmend Solo-Projekte, stehen aber immer noch gemeinsam auf der Bühne - beispielsweise beim alljährlichen Fiddler's Green Festival in Rostrevor in Nordirland. In Berlin (und Umgebung) waren sie schon lange nicht mehr...

Die Sands Family 1974 beim Festival des politischen Lieds in Ost-Berlin (Foto: Thomas Neumann/neumgraf)
Die Sands Family 1974 beim Festival des politischen Liedes in Ost-Berlin (Foto: Thomas Neumann/neumgraf)

Abrupte Veränderung des folkloristischen Weltbildes

Als Dritter soll an dieser Stelle Jürgen B. Wolff (Folkländer, Duo Sonnenschirm) zu Wort kommen. Für ihn war 1974 das Konzert der Sands Family beim Festival des politischen Liedes eine Art „Erweckungserlebnis“, das er später so beschrieb:

In Berlin hörte ich die irische Sands Family. Musik auf akustischen Instrumenten, hingeschmetterte mehrstimmige Gesänge, tolle Melodien. Ein Erlebnis der dritten Art. Es versenkte binnen einer Stunde mein folkloristisches Weltbild, das hauptsächlich aus erzgebirgischen Weihnachtsliedern bestand, die meine Mutter zu Heiligabend auf dem Akkordeon spielte. Ich war auf dem besten Weg zum Folkie. Wie durch Zauberhand geführt, geriet ich fortan vielerorts an Gleichgesinnte. Sie wohnten in Berlin, in Potsdam, in Erfurt, in Pausa, sogar in Leipzig und schienen in den Startlöchern zu sitzen.

Trink- und Rebellenlieder von der „Grünen Insel“ spielten seit 1973 in Ost-Berlin Jack & Genossen, die Band um den in der DDR lebenden Iren Jack Mitchell. 1975 kam Enniskillen in Greifswald hinzu, Irenschulle in Potsdam, ab 1976 dann Folkländer in Leipzig und Brummtopf in Erfurt. Bis heute musiziert etwa jede vierte Folkband in Ostdeutschland ganz oder wenigstens zum Teil irisch. Irish Folk zwischen Ostsee und Erzgebirge

Ungewohnt und reizvoll für hiesige Verhältnisse ist die enge Verbindung von Lebenslust und Rebellion in der irischen Folklore – Musizieren selbst noch unterm Galgen, verbotenes Harfenspiel und heimliches Whiskybrennen als Widerstand gegen die britischen Eroberer.

Last but not least: Bands wie die Sands Family betreiben alles andere als museale Volksmusikpflege. Sie musizieren temperamentvoll und frisch. In ihren Songs bringen sie, anknüpfend an die Tradition, bis heute inhaltlich und stilistisch Neues hervor.

Gemeinsames Die Sands Family zum Abschluss des Venner Folkfrühlings 2025, vorn Anne, Tommy und Ben Sands (Foto: Wolfgang Leyn)
Die Sands Family zum Abschluss des Venner Folkfrühlings 2025, von links: Anne, Tommy und Ben (Foto: Wolfgang Leyn)

Scarlett O' in Michael Seidels Podcast "Biertrinken mit..."
Manfred Wagenbreth in Michael Seidels Podcast "Biertrinken mit..."
Jürgen B. Wolff im Podcast "Ostfolk im Gespräch", Folge 1
Jürgen B. Wolff im Podcast "Ostfolk im Gespräch", Folge 2