
In den Räumen der Alten Mälzerei in Eisenach werden 100.000 Tonträger und Filme aufbewahrt, über 60.000 Bücher und Musikzeitschriften, ebenso viele Fotografien, dazu Programmhefte und Konzertplakate sowie Musikinstrumente, Radiomanuskripte und Briefe. Das Lippmann+Rau-Musikarchiv entstand 2009 aus dem zehn Jahre zuvor gegründeten Internationalen Jazzarchiv. Nach und nach wurde das Sammelgebiet über Jazz und Blues hinaus auf das gesamte Spektrum der populären Musik erweitert. Richard Limbert nennt einige besondere Stücke aus der Sammlung. Er war dort als Musikarchivar beschäftigt, bis der Stiftung im März dieses Jahres das Geld ausging.
Als zu Ostern 1966 in Frankfurts am Main Studenten für Abrüstung demonstrierten, sah der Konzertveranstalter Horst Lippmann dort auch ein Duo von zwei jungen Herren, die deutsche Protestlieder sangen: Christopher Sommerkorn und Michael de la Fontaine, kurz: Christopher & Michael. Sie sangen auf dem Frankfurter Römerberg gemeinsam mit Joan Baez. Horst Lippmann war begeistert und wurde ihr Produzent. Genauso wie bei Hein & Oss, dem anderen großen Folk-Duo des Bundesrepublik der 1960er Jahre.

Joan Baez‘ gezeichnetes Tournee-Tagebuch
Während der Tourneen von Joan Baez durch die Bundesrepublik im Laufe der 70er Jahre entwickelte sich eine wirklich freundschaftliche die Beziehung zwischen Fritz Rau und Baez. 1977/1978 schenkte ihm Baez ein ganz besonderes Buch. Es ist ein reich verzierter Foliant, gefüllt mit ihren Zeichnungen. Auf dicken, mit Goldrand versehenen Papp-Seiten hat Baez ihre Tour 1977 als Comic festgehalten. Dieses wertvolle Stück Folk-Geschichte wurde inzwischen nach nationalen Archivstandards von der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek digitalisiert und damit für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Baez selbst hat sich zu diesem Tour-Tagebuch wie folgt geäußert:
This little collection of drawings, comical and joyful, gives an inside look at a band of musicians and other free spirits as we boarded flights, took cars, vans, and buses, through Germany and beyond – and Fritz Rau, whom I considered a close friend, was the leader of the band!

AMIGA-Kartei und Biermann-Tonband
Die Nachlässe der Konzertveranstalter Horst Lippmann und Fritz Rau sind heute ebenso im Eisenacher Archiv zu finden wie Briefwechsel und Fotos diverser DDR-Jazzclubs und die Tonbandkartei des Schallplatten-Labels AMIGA. In Regalen und Kartons lagern zwei Kilometer deutsch-deutsche Musikgeschichte, zum Großteil bereits erschlossen. Hier trifft westdeutscher Jazz, Blues, Folk und Rock auf sein ostdeutsches Äquivalent.
Ein Jazz-Nachlass von internationaler Strahlkraft ist zu entdecken: Das Musikarchiv Lippmann + Rau in Eisenach würdigt den Sound der Freiheit. Es platzt aus allen Nähten und bedarf der Förderung, um den Bestand zu pflegen.
Peter Kemper, Frankfurter Allgemeine, 09.09.2025
Im Archiv findet sich auch die Sammlung der Fotografin Mara Eggert. Sie übergab dem Archiv ein Demo-Band von Wolf Biermann. Mitte der 60er Jahre hat er es in seiner Wohnung in der Berliner Chausseestraße 131 aufgenommen. Nur Biermann mit Gitarre, der seine Titel ansagt und vorspielt. Das Band hat eine Länge von über 2 Stunden und enthält 68 Lieder. Ich habe es komplett digitalisiert und auf dem internen Archivserver abgespeichert. Wer Interesse hat, kann sich gerne ans Archiv wenden.
Aus dem Umfeld von Jürgen B. Wolff und der Band Folkländer fallen hier mehrere spannende Archivalien zu Folk in der DDR ins Auge. Es sind Kohlezeichnungen von Wolff für Folk-Veranstaltungen. Hoffen wir, dass das Feld des DDR-Folks künftig durch Sammlungen wie die von Alexander Neumann und Wolfgang Leyn bereichert wird.
200 unbekannte Aufnahmen von Musik-Legende Benny Goodman erstmals zugänglich | MDR, 09.12.2025
Mehr über Neuzugänge 2025 und die Finanzlage des Archivs
Fehlende Förderung verhindert Weiterarbeit
In den über 2.000 Metern Archivmaterial finden sich viele kulturelle Schätze, die noch erschlossen werden müssen. Ein Archiv ist schließlich keine Abstellkammer. Ohne stetige Erschließung und Erforschung der Sammlungen kann das Lippmann+Rau-Musikarchiv seine Aufgaben nicht erfüllen.
Doch ist seit März 2026 die weitere Förderung der Archivars-Stellen meines Kollegen Dr. Simon Bretschneider und meiner eigenen ausgelaufen. Nach einer dreijährigen Förderung der Thüringer Staatskanzlei und einjährigen privaten Förderung ist eine durchgehende Pflege und Erschließung der Sammlungen nicht mehr auf dem Niveau möglich, wie das zwischen 2022 und 2026 der Fall war.
Ehrenamtlich arbeiten Bretschneider und ich zwei Tage im Monat im Archiv weiter und bekommen dabei ehrenamtliche Unterstützung. Die Situation ist weiterhin besser als vor 2022. Hinweise auf Förderprojekte und Geldgeber*innen sind uns hoch willkommen. Auch die Hilfe von Freiwilligen ist gern gesehen.

Aufgrund fehlender Spenden und Fördermittel ist das Lippmann+Rau-Musikarchiv Eisenach ab 1. März 2026 (hoffentlich nur) vorübergehend geschlossen. Öffentlicher Besucherverkehr ist zurzeit nicht möglich. Anfragen werden unter archiv@lippmann-rau-stiftung.de möglichst zeitnah beantwortet.
Wir danken allen Spenderinnen und Spendern sowie dem Land Thüringen für die Förderung und Unterstützung der letzten vier Jahre!Wenn Sie die Arbeit der Lippmann+Rau-Stiftung mit einer Spende unterstützen möchten, können Sie dies gerne mittels Überweisung auf das Stiftungskonto bei der Wartburg-Sparkasse tun:
IBAN DE72 8405 5050 0000 1871 00
BIC: HELADEF1WAKInformieren Sie uns bitte über Ihre Spende, damit wir Ihnen eine Bestätigung zusenden können.
Lippmann+Rau-Stiftung Eisenach
