Das Akkordeon – ein Instrumenten-Steckbrief

Ziehharmonika, Quetschkommode, Zerrwanst, Schifferklavier, Handörgeli, Treckfiedel – das sind einige volkstümliche Bezeichnungen für das Instrument, die je nachdem abwertend oder liebevoll gemeint sind. Seit wann gibt es das Akkordeon eigentlich? Wer hat es erfunden? Und wo überall wird es gespielt?

Cyrill Demian mit dem von ihm gebauten Akkordeon (Wikipedia unkown, Cyrill Damian with the first accordion he built, CC BY-SA 4.0)

Cyrill Demian mit dem von ihm entwickelten Akkordeon (Wikipedia, Cyrill Damian with the first accordion he built, CC BY-SA 4.0)

Junges Musikinstrument mit uralten Wurzeln

Das Akkordeon ist ein Kind des 19. Jahrhunderts. In Wien ließ sich 1829 Cyrill Demian, ein Siebenbürger mit armenischen Wurzeln, sein „Accordion“ patentieren. Schon 1822 hatte der Thüringer Christian Buschmann, der damals wohl auch mit Mundharmonikas experimentierte, seine „Handäoline“ entwickelt.

Das Prinzip der Tonerzeugung beim Akkordeon mit einer durchschlagenden Zunge ist dasselbe wie bei der Maultrommel. Als ältester Vorläufer der Harmonikainstrumente gilt die Mundorgel Sheng, die schon vor 3.000 Jahren in der klassischen chinesischen Musik gespielt wurde (und immer noch wird).

Der chinesische Sheng-Virtuose Wu Wei – 2004 bekam er in Rudolstadt den Deutschen Weltmusikpreis RUTH (Pressefot proton-berlin.de).
Der chinesische Sheng-Virtuose Wu Wei bekam 2004 in Rudolstadt den Deutschen Weltmusikpreis RUTH (Foto: proton-berlin.de).

Aus dem Vogtland in die Welt

Klingenthal im vogtländischen Musikwinkel entwickelte sich seit dem 19. Jahrhundert zum größten deutschen Harmonikazentrum und teilte sich mit dem württembergischen Trossingen den deutschen Exportmarkt. 1860 wurden jährlich 218.000 Stück hergestellt, Ende der 1920er Jahre rund eine Million.

1948 entstand aus den verstaatlichten Betrieben der VEB Harmonikawerke Klingenthal, bald größter Akkordeon-Hersteller im Ostblock. Instrumente der Marke "Weltmeister" wurden auf allen Kontinenten gespielt. Nach 1990 brach der Markt zusammen, 1992 folgte die Treuhand-Privatisierung. Der Nachfolgebetrieb, eine Manufaktur, meldete 2023 Konkurs an. Im selben Jahr fand der seit 1948 in Klingenthal ausgerichtete internationale Akkordeonwettbewerb zum letzten Mal statt.

Screenshot der Website zum (ausgefallenen) Wettbewerb 2024 (https://www.accordion-competition.de)
Screenshot der Website zum (ausgefallenen) Wettbewerb 2024 (https://www.accordion-competition.de)

Wanderer zwischen den Welten

Das Akkordeon ist heute in der alpenländischen Volksmusik ebenso unentbehrlich wie im griechischen Rembetiko, im finnischen Tango, dem Zydeco in Louisiana oder der argentinischen Chamamé-Musik. Das Instrument gehört zur französischen Valse musette, aber auch zu Italien, Russland, Mexiko oder Madagaskar. Nach Kolumbien kam das Akkordeon angeblich durch die Havarie eines deutschen Frachters. In der klassischen Musik konnte es nicht wirklich Fuß fassen, dafür behauptet es im Jazz seinen Platz.

Lydie Auvray – 1974 kam die Französin nach Deutschland, Anfang der 80er tourte sie mit Hannes Wader (Foto: Volker Neumann)
Lydie Auvray – 1974 kam die Französin nach Deutschland, Anfang der 80er tourte sie mit Hannes Wader (Foto: Volker Neumann)

Knöpfe oder Tasten

Im Unterschied zur wechseltönigen Handharmonika wird beim Akkordeon durch Zug und Druck derselbe Ton erzeugt. Auf der Bass-Seite erklingen auf Knopfdruck im Prinzip nicht Einzeltöne, sondern Akkorde. Das Pianoakkordeon ist auf der Melodie- oder Diskantseite mit einer Klaviatur ausgestattet.

Das Duo Kratschkowski aus Dresden 2025 bei "Musik zwischen den Welten" (Foto: Wolfgang Leyn)
Das Duo Kratschkowski aus Dresden 2025 bei "Musik zwischen den Welten" (Foto: Wolfgang Leyn)

Dagegen hat das Knopfakkordeon, wie der Name schon sagt, auch auf der Diskantseite Knöpfe, so zum Beispiel die österreichische Schrammelharmonika, das russische Bajan oder die baskische Trikitixa. Durch Registertasten lassen sich die eingebauten Stimmplattensätze unterschiedlich kombinieren, wodurch die Klangfarben variieren.

Das Duo Attwenger aus Linz. Markus Binder (Schlagzeug, Gesang) und Hans-Peter Falkner (Steirische Harmonika, Gesang). 2010 gastierte es in Rudolstadt.
Folkpunk mit Attwenger aus Linz – Markus Binder (Schlagzeug, Gesang) und Hans-Peter Falkner (Steirische Harmonika, Gesang), 2010 gastierte das Duo in Rudolstadt (Foto: Nico Kaiser)

Das Knopfakkordeon ist auf Grund seines größeren Tonumfangs musikalisch beweglicher, das Pianoakkordeon leichter zu erlernen. Die Vielfalt der Bauformen, Größen und verwendeten Materialien ist groß. Außer den chromatischen (gleichtönigen) Instrumenten gibt es diatonische (wechseltönige) wie Melodeon, Organetto oder Steirische Harmonika.

Die AltBadSeer Musi spielt u. a. auf der Steirischen Harmonika Tanzmusik aus dem Salzkammergut im Länderschwerpunkt Österreich beim Rudolstadt-Festival 2026 (Foto: musikantenpool.at)

Die AltBadSeer Musi mit Steirischer Harmonika 2026 in Rudolstadt beim Länderschwerpunkt Österreich (Foto: musikantenpool.at)

Dem diatonischen Akkordeon war 1991 beim Tanz&FolkFest in Rudolstadt das erste in der Reihe der Magie-Konzerte gewidmet – „Magie auf Knopfdruck“ mit Andy Cutting (England), Kepa Junkera (Spanien), Mártin O'Connor (Irland), Emmanuel Pariselle (Frankreich) und Riccardo Tesi (Italien).

Von 2010 bis 2021 brachte in Halle/Saale das „global music festival – akkordeon akut!“ Koryphäen der internationalen Akkordeon-Szene auf die Bühne. Seit 2009 tourt der Niederländer Servais Haanen mit dem internationalen Festival „Akkordeonale“ jedes Jahr durch Deutschland.

Gabi Lattke und Erik Kross von Folkländer 1979 beim Festival des politischen Liedes. Erik spielt ein Weltmeister-Akkordeon aus Klingenthal (Foto: Thomas Neumann/neumgraf.de)
Gabi Lattke und Erik Kross von der Band Folkländer 1979 beim Festival des politischen Liedes. Erik spielt ein Weltmeister-Akkordeon aus Klingenthal (Foto: Thomas Neumann/neumgraf.de)

Beliebtes Folk-Instrument

In der DDR-Szene war das Akkordeon weit verbreitet. In den allermeisten Bands war es vertreten, zu Beginn fast ausschließlich das Pianoakkordeon. Erst später kamen auch Knopfakkordeons zum Einsatz. Bis heute hat das Instrument nichts von seiner Beliebtheit eingebüßt. Wir haben Musikerinnen und Musiker, die Folk- und Weltmusik spielen, nach ihrem Verhältnis zum „Instrument des Jahres“ gefragt.

Mein Akkordeon und ich | Umfrage zum Instrument des Jahres 2026

Zwei Akkordeons (Foto: Johannes Uhlmann)
Foto: Johannes Uhlmann